Neue WestfŠlische Nr.132, Dienstag, 11. Juni 2002

 

Der unhaltbare Drang

Neue Operationsmethode heilt BlasenschwŠche

 

Von Sylvia Tetmeyer

 

Bielefeld. Diesen Tag im Herbst wird Ingeborg B. so schnell nicht mehr vergessen. Die 57-jŠhrige besuchte eine Tagung. Plštzlich passierte es: Ingeborg B. schaffte es nicht mehr rechtzeitig auf die Toilette und spŸrte, wie ihr das Wasser die Beine herunter lief. Die zweifache Mutter leidet unter Blaseninkontinenz.

 

ãBlaseninkontinenz ist eine der hŠufigsten Erkrankungen der Frauý, sagt Dr.Friedrich Hartog. Die Statistik weist 3,7 Millionen Betroffene, darunter 75 Prozent Frauen, aus. Der Arzt bedauert, dass Ÿber dieses Thema nur hinter vorgehaltener Hand oder im engsten Familienkreis geredet werde. ãManchmal ist man erstaunt Ÿber die lange Leidensgeschichte, die Patientinnen hinter sich habený, so Hartog.

ãIch kenne viele, die nicht darŸber redený, kann auch Ingeborg B. bestŠtigen. Angefangen hatte bei ihr alles schon vor mehr als drei Jahren. ãErst kamen beim Husten oder Niesen nur ein paar Tropfen, dann passierte es regelmŠ§iger, auch beim Treppensteigen oder Tanzený, erzŠhlt sie. Zwar ging die Angestellte weiterhin ins BŸro, auch ihre FreizeitaktivitŠten schrŠnkte sie kaum ein. Aber: ãIch habe schon darunter gelitten, dass es passieren kann.ý

Die GynŠkologin Christine Gass, die gemeinsam mit Dr. Hartog die gleichnamige Klinik in der Kiskerstra§e leitet, wei§, dass dieser Zustand gerade bei Šlteren Betroffenen oftmals in die Isolation fŸhrt: ã Sie nehmen keine sozialen Kontakte mehr wahr.ý

Mediziner unterscheiden Ð neben Arten, die weniger hŠufig auftreten Ð zwischen der Stressinkontinenz und der Dranginkontinenz, wobei letztere hŠufig erfolgreich mit Medikamenten behandelt werden kann. ãBei der Dranginkontinenz hat der Betroffene ganz plštzlich das GefŸhl,Wasser lassen zu mŸssen. Und dann geht es auch schon losý, erklŠrt Gass. Bereits Husten oder Niesen kšnne bei der Stressinkontinenz ausreichen, weil dadurch verstŠrkt Druck auf die Blase ausgeŸbt werde. Ursachen der BlasenschwŠche sind Geburten, ein schwaches Bindegewebe, schwere kšrperliche Belastungen, †bergewicht, abnehmende Spannkraft im Alter oder auch starkes Rauchen.

Ingeborg B. hat sich fŸr eine relativ neue Operationsmethode, das sogenannte TVT-Verfahren (ãTension-free-Vaginal-Tapeý) entschieden. Der Eingriff dauert nicht lŠnger als 30 Minuten und kann bei šrtlicher BetŠubung durchgefŸhrt werden. In der BroschŸre einer Frankfurter Initiative gegen Belastungsinkontinenz wird erlŠutert, wie die Operation funktioniert: Der Operateur nimmt zwei kleine Einschnitte in der Bauchdecke vor, ein weiterer erfolgt in der Scheide. †ber diesen wird ein Kunststoffnetzband so eingebracht, dass es unter der mittleren Harnršhre liegt. Seine beiden Enden werden durch die Einschnitte in der Bauchdecke nach au§en gebracht. Um die optimale Lage des Bandes zu gewŠhrleisten, muss der Patient bei gefŸllter Harnblase husten. So kann der Erfolg direkt ŸberprŸft werden.

ãVor dem Hintergrund der sehr guten Erfolgsaussichten und der gleichzeitig nur geringen Belastung des Eingriffs bewerten namhafte Experten das TVT-Verfahren als eine Art Revolution in der Inkontinenzchirurgieý, hei§t es in der BroschŸre mit dem Titel ã Die Last nehmený.

ãIm Vergleich zu Šlteren Methoden wird der Betroffene weniger belastet und ist hinterher schneller wieder fitý, sagt Christine Gass.

ãWeltweit sind bis heute etwa 120.000 TVT-Eingriffe vorgenommen wordený, so Dr. Hartog. Zwar kšnnten Misserfolge wie bei jeder Methode auch hier nicht ausgeschlossen werden, aber: ãWird die TVT-Operation als Ersteingriff geplant, so ist auch nach fŸnf Jahren von einer Heilungssicherheit von zirka 93 Prozent auszugehený, rechnet der Mediziner vor.

Als erste Klinik in Ostwestfalen-Lippe wendete die Klinik Dr. Hartog 1998 in Zusammenarbeit mit dem Berliner CharitŽ Klinikum die neue TVT-Operationsmethode an. Heute gehšrt der Eingriff hier zur Routine.

Christine Gass glaubt, dass viele HausŠrzte nicht hinreichend Ÿber die Mšglichkeiten informiert sind. In KŸrze will die 35-jŠhrige FrauenŠrztin eine Sprechstunde fŸr Betroffene einrichten, die sich dann auch in der Klinik untersuchen lassen kšnnen.

ãWenn Patienten nicht mutig sind, wird das Thema nicht angesprochený, sagt Friedrich Hartog.